Voller Zuversicht und ohne viel getan zu haben bin ich heute Morgen zur Klausur gegangen. Mathe. Verschiedene Transformationen. Das sind Dinge die ich aus Osnabrück kenne. Ich habe die alten Klausuren am Tag zuvor gerechnet und festgestellt, dass sie nicht so das Problem darstellten und doch recht simpel waren. Ganz im Gegensatz zu den Assignments. Bei den Aufgaben hab ich mich doch manches Mals sehr schwer getan und Stunde um Stunde an einem Problem verbracht, nur um nachher ein wenig Vorteil in der Klausur zu haben.
Wenn ich erfolgreich alle Assignments löse bekomme ich einen Bonus von 15% in der Klausur. Je weniger Punkte ich in den Assingments habe, desto weniger Vorteil dementsprechend in der Klausur. Dies scheint in Schweden allgemein üblich zu sein. Zumindest in Mathe. Finde diese Idee sehr praktisch, so arbeitet man automatisch den Stoff nach und wird für den Fleiß während des Semesters belohnt. In Deutschland kann man teilweise mit einer Woche Aufwand am Ende des Semesters alles reißen, ohne vorher den Prof. gesehen zu haben.
Für mich war das Ziel dieser Klausur übrigens: Bestehen. Mehr nicht. Daher auch mein weniges Lernen, dass durch die viele Arbeit für das Projekt noch verstärkt wurde. Die Klausur brauche ich, damit ich den Master machen kann. Um für den Master in Electronic Design zugelassen zu werden, benötige ich 25 schwedische Credits, das entspricht 37,5 ECTS Punkten, an Mathe Kursen. Ich benötige dabei 20 Punkte an A-Level-Kursen (das sind Anfänger-Kurse) und 5 Punkte, was einen Kurs entspricht, im B-Level. Der Name dieses Kurses lautet für mich „Lineare Algebra 2“ und ist dementsprechend schon ein Fortgeschrittenen Kurs. Wenn ich diesen Kurs erfolgreich überstehe, vom bestandenen Transforms-Kurs gehe ich einfach mal aus, erfülle ich endlich die Mathe-Anforgerungen, da ich 20 Punkte aus Osnabrück mitbringe und habe dann sogar noch einen Puffer.
Die zusätzlichen Mathe-Kurse bedeuten aber auch, dass ich dieses Semester 45 ECTS mache. Könnte damit schon fast für mein Auslandsjahr fertig sein, wenn ich es angerechnet bekommen würde, aber das ist leider nicht der Fall. Jetzt aber, bevor ich noch weiter ausschweife, zurück zum eigentlichen Thema dieses Eintrages. Die Klausur oder Tentamen, wie es im schwedischen heißt.
Anfang war 8 Uhr im Computerraum L109. Zum Lösen der Aufgaben durfte Matlab verwendet wurde, was sich lange Zeit als schwierig herausgestellt hat. Das erste Hindernis war jedoch das Deckblatt der Klausur. Darauf war kein Wort Englisch zu finden, obwohl der Kurs doch auf Englisch war. Wofür steht „Kod“ und wieso sind da dreißig Aufgaben angegeben? Sonst waren es doch auch immer nur 6. Dies waren die ersten elementaren Fragen, die mich doch lange beschäftigen hätten können. Ich hab aber einfach Jonny, einen Schweden, gefragt und er hat es mir erklärt.
Es ist wohl ein Default-Deckblatt,
deswegen die 30 Aufgaben. Die Klausur selber hatte nämlich auch diesmal
nur sechs. Kod steht für eine Nummer, die jeder Student zugewiesen bekommt.
Diese wird auch auf jedes Blatt der Klausur geschrieben, der Name in der Regel
aber nicht, um Anonymität und gerechte Bewertung, was mir erst nach der
Klausur erzählt wurde. Jetzt bin ich wohl beim Korrigieren nicht mehr anonym.
Außerdem gibt man auf dem Deckblatt das Programm an, in dem man studiert
und den Namen des Kurses. Einige Felder bleiben auch leer nur unter der Tabelle
mit den 30 potentiellen Aufgaben muss man noch die Anzahl der abgegebenen Seiten
angeben. Hat man zu wenig Papier bekommt man neues. So konnte ich auch mehr
als 5 Seiten schreiben.
Das war auch nötig, da ich leider die ersten zwei Stunden und 15min ohne
Matlab auskommen musste, wo wir dann bei meinem eigentlichen Problem wären.
Es gibt leider nur 50 Matlab Lizenzen für Studenten und noch weniger für
die Transformations-Tools und den Maple-Kernel. Hätte nicht gedacht, dass
es da einen Unterschied gibt, aber anscheinend ist das wohl so. Für mich
bedeutete der Mangel an Lizenzen vorerst alle Integrale und Transformationen
ohne Matlab zu lösen und dementsprechend hab ich mich auch mal verrechnet.
Deshalb auch mehr Zettel. Insgesamt musste ich drei Aufgaben noch mal rechnen.
Eine davon konnte ich ohne Matlab gar nicht lösen.
Hab mir aber nicht weiter Gedanken darum gemacht, weil ich mir ziemlich sicher war, dass die Ersten nach etwa 2 Stunden fertig sein müssten und ich dann noch genügend Zeit habe, die Klausur zu lösen. Diesmal mit Matlab. Und genauso ist es auch gewesen. Als der Dritte fertig war, habe ich eine Lizenz bekommen. Es blieben mir also noch 2:45h um die Klausur zu lösen. Das ist nämlich das praktische an der Midsweden University. Klausuren dauern prinzipiell 5 Stunden. Meistens sind sie jedoch nicht auf 5 Stunden ausgelegt. So auch diese. Bei den Informatikern sah das aber schon anders aus. TCP/IP-Networking hat schon etwas mehr als vier Stunden gedauert.
Ich frage mich, warum man nicht auch in Osnabrück einfach 5 Stunden Zeit gibt, wenn die Klausur für 2-3 Stunden ausgelegt ist. Das ist eine deutlich angenehmere Prüfungssituation. Allerdings muss ich auch sagen, dass man durch die lange Zeit, die zur Verfügung steht, leicht nachlässig wird. Habe z. B. weniger gelernt, weil ich dachte, dass ich das zur Not auch in der Klausur noch herleiten kann. So wie mir geht es auch anderen, aber schlecht sind wir mit dieser Taktik nicht gefahren.
Was sollte man also zu schwedischen Klausuren wissen: Sie dauern immer 5 Stunden, sind aber nicht immer dafür ausgelegt und das Deckblatt ist auf schwedisch zur Verwirrung der Exchange-students. Ach und Anonymität wird groß geschrieben und niemanden zu Bevor- oder Nachteilen.