Ich will einmal damit anfangen, die wichtigste Frage zu klären, die bestimmt alle beantwortet haben wollen. Wer oder was ist ein Surströmming?
Surströmminge sind, kurz gesagt, vergammelte Heringe. Die genaue Entstehungsgeschichte kenne ich nicht, aber in früherer Zeit war Surströmming ein „arme Leute Essen“. Da der Fischfang im Winter schwer war, hat man angefangen die Ostsee-Heringe in Salzwasser einzulegen und in großen Holzfässern zu lagern. Später wurden die Surströmminge auch in Dosen gelagert (die sich nach Wikipedia-Angaben angeblich sogar aufgrund der Faulgase auswölben sollen, was ich allerdings nicht bestätigen kann). Der überall beschriebene Gestank ist allerdings wirklich extrem. Kein Wunder, wenn man einen toten Fisch einfach im Salzwasser liegen lässt.
Früher hat man übrigens die ganzen Fische eingelegt. Heute wird den etwa 10 cm bis 15 cm langen Fischen wenigstens der Kopf abgeschnitten. Hans (unser Sprachkursleiter) sagt allerdings, dass es besser war als der Kopf noch dran war, da so nicht alle Organe auslaufen. Ja die Organe sind auch noch drin! Und es wird noch ekliger oder auch nicht, wenn man Fischeier als Delikatesse bezeichnet. Die sollen nämlich angeblich am besten sein. Heute gibt es allerdings auch Surströmmingfilet. Das ist dann für die nicht ganz so harten, zu denen ich mich auch zähle. Den Gestank empfand ich allerdings bei den Filets als noch schlimmer. Ein Schwede bezeichnete ihn treffend mit „Baby-Shit“. Ich finde das kommt dem auch schon sehr nahe. Nur, dass noch eine Note von totem Fisch, der zu lange in der Sonne gelegen hat, hinzukommt. (Die Angler unter uns kennen, denke ich mal, den Geruch.)
Dementsprechend ist auch der faulige Geschmack, bei dem auch Nase zuhalten nicht viel bringt. Ansonsten würde ich den Fisch als sehr salzig beschreiben. Teilweise schmeckte er auch nach saurem Hering, die ich ja sehr gerne mag. Surströmming zu probieren ist auf jeden Fall ein Geschmackerlebnis der interessanten Art. Zu Surströmming isst man übrigens Kartoffeln (Potatis), Zwiebeln (Lök), Käse (Ost), Tomaten (Tomat) und ganz wichtig Dünnbrod (Tunnbröd). Es gibt zwei Sorten Tunnbröd. Weiches und hartes. Ich persönlich mag lieber das weiche. Das beschmiert man mit Butter und legt dann nach Belieben Kartoffelscheiben, klein gehackte Zwiebeln, Tomatenscheiben und selbstverständlich SURSTRÖMMING drauf. Anschließend klappt man das Brot zusammen und erhält so was wie einen Surströmming-Döner. Surströmming sollte man übrigens niemals pur essen. Zu Surströmming trinkt man hauptsächlich Bier (Öl) und Schnaps (Snaps), aber auch Zitronen- oder Himbeerlimonade (Sockerdrycker).
Damit man keinen Fehlgriff im Supermarktregal macht, obwohl der Zugriff vermutlich schon ein Fehlgriff ist, sollte man auf „Oskars“, den die Schweden als besten Surströmming-Hersteller empfinden, zurückgreifen. Die Schweden essen übrigens im Schnitt so zwischen ein bis dreimal pro Jahr Surströming. Generell in der Übergangszeit zwischen Sommer und Herbst und machen dazu ein Fest. Häufig auch mit mehreren Familien gemeinsam. Wenn man im Frühjahr nach Surströmming sucht, wird die Suche ergebnislos verlaufen. Zu dieser Zeit wird der Hering für die Surströmminge gefangen, da er da am besten sein soll. Der Verkauf beginnt traditionell am dritten Donnerstag im August. Bis 1998 war das sogar gesetzlich festgelegt. Anfangs ist er wohl noch relativ teuer, dann sinkt der Preis aber deutlich. (Vermutlich wie bei den ersten Erdbeeren, die auch immer relativ teuer sind, mit dem Unterschied, dass diese schmecken.)
Unerfahrene sollten sich die Dosen lieber öffnen lassen. Hans hat uns erzählt, dass die Leute letztes Jahr selber vorm Surströmmingfest eine Dose Surströmming gekauft und geöffnet haben, ohne zu wissen wie es richtig geht. Dabei ist die Dose wohl explodiert, das faulige, stinkende Wasser rausgespritzt und sich in der ganzen Wohnung verteilt haben. Resultat war, dass kein Einziger Surströmming probiert hat. Hans als Experte öffnet die Dosen übrigens über dem Wasserhahn. Internetrecherchen haben gezeigt, dass es sich auch empfiehlt die Dose in einem Eimer mit Wasser zu öffnen. Als Anfänger sollte man vermutlich, wenn man so verrückt ist und Surströmming kaufen will, auf Filets zurückgreifen.
Ich persönlich habe übrigens zwei Filets gegessen. Elia war, glaube ich, unser Spitzenreiter mit zwei Filets und einem echten Fisch. Mit Hans und Björn (das ist der zweite Betreuer) konnten wir natürlich nicht mithalten, aber das hatte glaube ich auch keiner vor.
Den Schweden-Urlaubern sei noch gesagt, dass Surströmming hauptsächlich im nördlichen Teil Schwedens gegessen wird und im Süden kaum zu finden ist, da dort die meisten Schweden Surströmming auch nicht mögen, ebenso wie fast alle Kinder. Viele der genannten Fakten beruhen übrigens auf unsere nicht repräsentative Umfrage, die wir unter den Schweden, natürlich auf Schwedisch, durchgeführt haben.
Die Ergebnisse wurden in verschiedenen Präsentationen vor dem Fest sehr kreativ zusammengefasst. Eine Gruppe hat eine Talkshow gemacht, eine andere ein Theaterstück aufgeführt und eine dritte ein Lied geschrieben. Besonders gut fand ich auch die ausdruckstarke Pantomimen Vorstellung. Meine Gruppe hat übrigens eine Gameshow im Stil von Familienduell organisiert. Die Bilder von Präsentation und Surströmmingfest sind wie gewohnt in der Galerie abgelegt.